12. Februar 2026 | Technologiezentrum Energie
Best Practice: Biogasanlage Anschütz
Wie sieht die Energiewende in der Praxis aus? Im Rahmen des Interreg-Projekts BioH2Region besuchten Projektpartner und Akteure am 12. Februar die Biogasanlage der Familie Anschütz in Reutern. Der Termin bot tiefe Einblicke in die Chancen und massiven bürokratischen Hürden der regionalen Energieerzeugung in Niederbayern und lieferte wertvolle Erkenntnisse für die weiteren Arbeitspakete des Projekts.
Ein Kreislauf, der in der Region wurzelt
Julian Anschütz führte die Gruppe durch die Anlage und erläuterte die Besonderheit des Betriebs: die konsequente Regionalität. Die Anlage wird ausschließlich mit Substraten aus einem Umkreis von maximal 15 Kilometern gespeist. Neben Mais setzt der Betrieb verstärkt auf die Durchwachsene Silphie, die nicht nur ökologische Vielfalt fördert, sondern auch als nachhaltige Alternative zum klassischen Maisanbau gilt.
Besonders spannend für das Projektteam: Die Anlage nutzt flexibel Überschüsse aus der Lebensmittelproduktion – aktuell etwa Kartoffeln –, um Energie zu gewinnen. Dieser Ansatz unterstreicht die Rolle von Biogasanlagen als wichtige Verwerter innerhalb einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.
Energie für die Nachbarschaft
Die Leistungsdaten der Anlage sind beeindruckend: Durchschnittlich werden 500 kWh Strom pro Stunde über Blockheizkraftwerke erzeugt. Doch die Bedeutung für die Region geht über den Strom hinaus. Über ein Nahwärmenetz werden 93 Anwesen im angrenzenden Ort Schmidham mit nachhaltiger Wärme versorgt – ein Musterbeispiel für lokale Wertschöpfung.
Die Herausforderungen: Zwischen technik und Paragraphen
Trotz des Erfolgsmodells zeichnete Julian Anschütz ein realistisches Bild der aktuellen Herausforderungen:
- Neue Einspeiseregeln: Zukünftige Regularien verlangen, dass Strom vermehrt nachts eingespeist wird. Dies macht kostspielige Investitionen in Batteriespeicher notwendig, was die Rentabilität bestehender Anlagen unter Druck setzt.
- Bürokratischer Marathon: Der administrative Aufwand ist mittlerweile so hoch, dass er allein kaum mehr zu bewältigen ist. Rund eine Stunde tägliche Dokumentation plus die Unterstützung durch eine externe Beratungsfirma sind notwendig, um den gesetzlichen Auflagen gerecht zu werden.
- Flickenteppich der Genehmigungen: Ein zentrales Learning für das Projekt BioH2Region ist die uneinheitliche Gesetzeslage. Selbst innerhalb Niederbayerns unterscheiden sich die Regelungen von Landkreis zu Landkreis massiv. Dies stellt das Vorhaben, diese Vielfalt in den Arbeitspaketen (WP 2/3) abzubilden, vor ambitionierte Aufgaben.
Zukunftsthema Wasserstoff: Potenzial wartet auf Marktreife
Ein Schwerpunkt des Besuchs war die Frage nach der Wasserstoffproduktion. Das Fazit vor Ort: Aktuell ist die Erzeugung von grünem Wasserstoff aus Biogas wirtschaftlich noch nicht darstellbar. Es fehlt an regionalen Abnehmern und hochskalierten technischen Lösungen. Zwar gibt es vielversprechende Ansätze durch Start-ups, doch die Unsicherheit über die politische Förderung und die Marktentwicklung bremst Investitionen momentan aus.
Interessant war zudem der Fokus auf Qualität: Die Anlage Anschütz ist seit 2009 in Betrieb. Die Erfahrung zeigt, dass sich die höheren Investitionskosten in deutsche Bauteile durch Langlebigkeit und geringere Reparaturanfälligkeit langfristig auszahlen.
Fazit für das Projekt BioH2Region
Der Besuch in Reutern hat verdeutlicht, dass Biogasanlagen weit mehr sind als reine Stromerzeuger: Sie sind regionale Versorgungsanker. Für unser Interreg-Projekt nehmen wir die folgenden wichtige Impulse mit:
- Regulatorik als Bremsklotz: Die politische Unsicherheit und uneinheitliche Vorgaben sind derzeit die größten Hürden für die Dekarbonisierung.
- Technologische Transformation: Die Umstellung auf Flexibilisierung (Speicher) wird die nächste große Etappe.
- Netzwerkbedarf: Um Wasserstofflösungen in die Fläche zu bringen, müssen Abnahmeszenarien bereits heute mitgedacht werden.
Die offenen Worte und die fachlich fundierte Führung von Julian Anschütz lieferten dem BioH2Region-Konsortium wichtige Daten für die weitere Projektarbeit.






